Juni 2004

"Sprung ins kalte Wasser "

Anton Uhlenbrock hat seine Firma aus dem Nichts geschaffen

Gründer haben es nie wirklich leicht gehabt. Das gilt für die heutige Zeit genau so wie für die Nachkriegsjahre. Ein Beispiel aus Borghorst zeigt, dass sich der mutige Schritt zur eigenen Firma auszahlt.

Mut war es für Anton Uhlenbrock. Für seine Freunde und Bekannten Verrücktheit. Sogar Vater und Großvater tippten sich an die Stirn. So musste der frisch gebackene Elektromaschinenbauermeister mit Engelszungen auf Opa einreden, damit der im Stall den Auslauf für das Hausschwein verkleinerte. Nur so hatte Enkel Anton Platz für seine "Fachwerkstatt für Ankerwickelei und Mechanik". Damals gab es schon zwei solcher Betriebe in Borghorst. Da fragte jeder, was soll da noch ein dritter?, erinnert sich der Existenzgründer. Damals, das ist 50 Jahre her. Aus der Ein-Mann-Stall-Werkstatt ist ein blitzsauberer Betrieb mit 40 Beschäftigten im Industriegebiet Ost geworden. Schon lange werden nicht mehr nur defekte Elektromotoren repariert. Heute hat die GmbH große Unternehmen als Kunden, die viel mehr verlangen. Die Maschinen dürfen erst gar nicht kaputtgehen. . .

Anton Uhlenbrock kann als Ruheständler inzwischen mit großer Gelassenheit zusehen, wie Enkel David, heute 22 Jahre jung, Anlauf für den Sprung in die Fußstapfen von seinem Vater Hubert nimmt. Der Wirtschaftsingenieur-Student schickt sich an, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Hubert Uhlenbrock seinerzeit die Zügel von Vater Anton übernahm, auf dem Bock Platz zu nehmen. Die Frage, ob ich mal was anderes mache, hat sich nie gestellt, sagt David, der bereits mit einer abgeschlossenen Lehre einen ersten Praxis-Überblick gewonnen hat. Eine Aussage, die Hubert Uhlenbrock als geschäftsführender Gesellschafter genauso machen würde. "Spielerisch" hätten ihn seine Eltern an seine Aufgabe herangeführt. Aber auch eine starke Hand habe er gespürt. Papa und dem Alt-Gesellen bei der Arbeit zuschauen, Altkupfer abwiegen und beim Schrotthändler gegen ein paar Groschen eintauschen oder auch schon mal alleine die Werkstatt aufräumen und im Anschluss Schimpfe kassieren, weil der Meister und sein Geselle nichts wieder finden; auch für den heute 48-Jährigen drehte sich schon ganz früh ganz viel um das Familienunternehmen.

Der Senior muss nicht lange überlegen, wenn er die Gründe für das erfolgreiche Wachsen seines Lebenswerkes nennen soll. Man muss seinen Beruf als Hobby ansehen. Dazu braucht man eine Frau, die zu hundert Prozent hinter einem steht. Seine Antonia hat das getan. Obwohl er ihr damals eigentlich erst vorschlagen wollte, das mit der Hochzeit noch ein wenig zu verschieben. Er hatte sich gerade erst selbstständig gemacht. Mit 500 Mark, die er sich von seinem Bruder geliehen hatte. Da war eigentlich nicht genug Geld da. Während Anton bei den großen Borghorster Textilfabriken Klinken putzte und auf Reparaturaufträge für defekte Web- oder Spinnmaschinen hoffte, verdiente sie als Näherin etwas dazu. "Die Motoren habe ich damals zum Teil mit dem Bollerwagen abgeholt", schmunzelt der 75-Jährige. "Autos gab es so gut wie keine." Sich selbst etwas gegönnt? Nein, das saß nicht drin. "Alles wurde in den Betrieb gesteckt." So zog Anton Uhlenbrock schon 1960 in seine neue Werkstatt an der Kettelerstraße. 23 Jahre dauerte es dann, bis der Neubau und heutige Firmensitz im Industriegebiet Ost bezogen wurde. Oberste Maxime bei allen Expansionsvorhaben: "Wir haben uns nie abhängig von den Banken gemacht. Darum wurde aus den Zeichnungen, die Hubert Uhlenbrock damals angefertigt hatte, auch nichts. Darauf war die Firma doppelt so groß. Das hõtten wir aus eigener Kraft nicht stemmen können."

Die technische Entwicklung eilt in Sieben-Meilen-Stiefeln davon. Anton Uhlenbrock kommt da schon lange nicht mehr mit. Wie ein Unternehmen zu führen ist, darin sind sich die drei Uhlenbrocks aber immer noch einig. Man muss Vorbild sein, betont Anton. Hubert ergänzt: Außerdem muss der Chef motivieren können. Und Sohn David weiß, dass es ohne hundertprozentigen Einsatz nicht geht. Dabei bekennt sich das Trio zum Geld verdienen. Das ist der Motor allen wirtschaftlichen Wachstums. Und mit Motoren, da kennen sich die Uhlenbrocks aus.

Die Anforderungen, die heute an das Team Hubert Uhlenbrock legt allergrößten Wert auf den Mannschaftsgeist im Unternehmen gestellt werden, haben sich im Laufe der Jahrzehnte total gewandelt. Die Zeiten, in denen der Service noch Kundendienst hieß und die einzige Aufgabe hatte, Maschinen zu reparieren, sind längst vorbei, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter. Damals genügte es, schneller zu sein als die Mitbewerber, die Mund-zu-Mund-Propaganda tat dann ihr Übriges, weiß der Senior. Und die dritte Uhlenbrock-Generation hat gelernt, dass das Klappern auch zum erfolgreichen Handwerk gehört. Nicht zuletzt darum hat Davids Schwester Sina das Marketing als ihr Berufsfeld entdeckt.

Der Kunde von heute will sich voll und ganz auf seine Kernkompetenz konzentrieren. Das ist im Normalfall die Produktion von Gütern. Die Uhlenbrock-Mannschaft kommt dann ins Spiel, wenn es um die Verlängerung von Maschinenlaufzeiten oder das Senken von Produktionskosten geht. Dabei ist kein Kunde wie der andere, baut Hubert Uhlenbrock auf individuell gestrickte Konzepte. So unterhält der Mittelständler Geschäftsbeziehungen zum Uranveredlungskonzern genauso wie zu Brauereien, zur Kunststoff- und Papierindustrie oder zum Maschinenbau. Halt die "ganze Welt der Antriebstechnik", wie ein Firmenslogan der Anton Uhlenbrock GmbH wirbt. Und das mit Reparatur, Handel und Fertigung von elektrischen Antrieben. Ein 24-Stunden-Service an 365 Tagen im Jahr ist dabei genauso selbstverständlich wie ein Lager mit 144 000 Artikeln. Gleichstrom- oder Getriebemotoren, Pumpen, Lüfter, Filter, Elektronik, Wälzlager, Keil- und Zahnriemen oder Servotechnik - das ist noch lange nicht alles.

Neben aller Technik ist die Uhlenbrocksche Unternehmensphilosophie in erster Linie bestimmt vom Menschen. "Wir als Unternehmer müssen die Herzen unserer Mitarbeiter gewinnen, damit sie die Herzen unserer Kunden gewinnen", sagt Hubert Uhlenbrock. Ausbildung sei dabei ein wichtiges Stichwort. 40 junge Menschen machten an der Siemensstraße ihre Lehre. Viele davon sind heute noch im Unternehmen. Zum Teil in Positionen mit hoher Verantwortung.

Auch wenn die Uhlenbrocks optimistisch in die Zukunft schauen, den Sand im Getriebe der Wirtschaft spüren auch die Borghorster. Der Geschäftsführer: Neue Kunden zu gewinnen ist das höchste Ziel. Die Politik ist dabei nach Ansicht des Seniors nicht sonderlich hilfreich: Der Aufbau wird gehemmt. Darum sind alle drei Generationen überzeugt davon, dass die Zukunft in einem zusammengewachsenen Europa liegt. Dazu gibt es keine Alternative.

Axel Roll